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Bildungsstreik 2009/ 10 – „Der Heiße Herbst hat erst begonnen“

Bildungsstreik 2009/ 10 – „Der Heiße Herbst hat erst begonnen“

 
Bochum , Fr. 27.11.2009, Autor: schlanstedt
 

Seit Wochen schwelt in Deutschland der Bildungsstreik. Schüler und Studenten gehen auf die Straßen, Studierende besetzen Hörsäle. Gravierende Änderungen am Bildungssystem haben weder Politik noch Schul- und Hochschulleitungen bisher angekündigt. Ein Ende der Proteste ist deshalb nicht abzusehen. Denise Welz, 22 Jahre, studiert an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) Sozialwissenschaften im fünften Semester. In einem Gespräch äußert sie sich zu den Problemen der Studenten und zu den Hoffnungen, diese lösen zu können.

Das Interview führte Steffen Schlanstedt.
 

 

Ruhrportal.de: Denise, was sind Eure konkreten Forderungen?

Denise Welz: Unsere wichtigsten Anliegen sind die Abschaffung der Studiengebühren ab dem nächsten Semester und eine Überarbeitung der Bachelor- und Masterstudiengänge. Mehr Bachelorabsolventen müssen die Chance bekommen, einen Masterstudiengang belegen zu können. An vielen Universitäten können nur wenige Absolventen überhaupt ein Masterstudium belegen. Das ist ganz klar eine Elitenförderung. Das Problem ist, dass man nur mit einem Bachelor-Abschluss in der freien Wirtschaft nicht viel reißen kann.

Ruhrportal.de: An wen richten sich Eure Forderungen?

Denise Welz: An das Rektorat der RUB, an die Kultusminister und auch an das Bundesministerium.

Ruhrportal.de: Habt ihr selbst Lösungsvorschläge für eure Forderungen?

Denise Welz: Da gibt es diverse Möglichkeiten. Aber damit versuchen Politiker uns Studenten immer wieder unsicher zu machen, indem sie sagen, es gäbe keine Alternativen zu Studiengebühren. Aber es ging jahrelang ohne Gebühren. Wir hatten einen hoch angesehenen Diplomabschluss und auf einmal waren alle der Meinung, es würde etwas falsch laufen. Ich persönlich will mich von Fragen nach einer Finanzierung lieber distanzieren.

Ruhrportal.de: Würdet ihr Studiengebühren akzeptieren, wenn ihr mitentscheiden dürftet, wofür diese genutzt werden?

Denise Welz: Dieses Mitspracherecht gibt es theoretisch schon. In den Fachschaftsräten können die Studierenden partiell mitentscheiden, wofür das Geld eingesetzt wird. Die letzte Entscheidung liegt aber bei dem Rektorat. Bei der Senatssitzung im April wurde der jährliche „Studiengebührenverwendungsbericht“ vorgestellt. Die Studenten, die im Senat sitzen, haben herausgefunden, dass sehr viel Geld einfach gehortet wird, so dass man die Gebühren senken könnte. Wir haben jahrelang gefordert, die Gebühren zu senken. Schon damals wurden wir nicht gehört. Jetzt stellen wir die Maximalforderung.

Ruhrportal.de: Seit drei Jahren gibt es Studiengebühren. Was ist dadurch besser geworden?

Denise Welz: Die Rektorate führen immer gerne die Tutorien an, die es auch hier an der RUB gibt und die aus Gebühren finanziert werden. Allerdings gab es diese Tutorien auch vor der Zeit der Studiengebühren. Als die Diskussion aufkam, Gebühren einzuführen, wurden die Tutorien abgeschafft und nach Einführung der Gebühren wieder angeboten. Mit dem tollen Argument: „Wir haben die Lehre verbessert, weil wir jetzt Tutorien haben!“ Das einzige, was ich gesehen habe, sind neue Computer in der Bibliothek und schöne Aufkleber auf manchen Büchern „Aus Studienbeiträgen bezahlt.“ Da fragt man sich, dafür zahle ich 500 €? Das kann doch nur ein Scherz sein! An unserer Bibliothek kann man Bücher nur über Nacht- und Wochenendleihe ausleihen. Wer einen Nebenjob hat, findet keine Zeit für Wochenendleihen. Es gibt viele Stellen, wofür man das Geld einsetzen kann. Aber sie machen es einfach nicht. Zwei Bücher mehr kaufen, um sie in die Präsenzbibliothek zu stellen, macht keinen Sinn

Ruhrportal.de: Frau Prof. Dr. Uta Wilkens (Prorektorin der RUB) bietet den Studenten einen Dialog in Arbeitsgruppen an. Werden diese von den Studenten angenommen?

Denise Welz: Wenn dies wirklich ein ernstgemeintes Angebot für Arbeitsgruppen gewesen wäre, wäre dies wunderbar. Frau Wilkens hat sogenannte Mandatsträger gefordert, um Namen und Personen zu haben, denen Sie die Verantwortung für was auch immer zuschieben kann. Obwohl der Protest und auch die Besetzung des Audimax absolut friedlich verlaufen sind. Dadurch war Frau Wilkens schon vorher klar, dass das Angebot nicht angenommen wird. Nun ist es leicht zu sagen, die Studenten suchen nicht den Dialog. Die ganze Besetzungsgeschichte haben wir nur gemacht, um in den Dialog mit allen Verantwortlichen zu treten. Wir hatten mehrere Podiumsdiskussionen. Deshalb ist die Räumung nicht verständlich.

Ruhrportal.de: Wie verlief die Räumung des Audimax und wie empfindest Du das Verhalten der Polizei bei den Demonstrationen?

Denise Welz: Die Polizei muss ihre Befehle verfolgen. Klar. Bei der Räumung kam die Polizei mit einer Hundertschaft in den Saal, machte Fotos, nahm Personalien auf und verteilte Platzverweise. Drei Personen wurden kurzfristig festgenommen, mit der Begründung, sie hätten sich beim raustragen zu schwer gemacht! Wie auch immer das gehen soll. Man kann schon von Repression sprechen, an der Stelle.

Ruhrportal.de: In den letzten Jahren gab es immer wieder Proteste seitens der Studenten, zum Beispiel bei der Einführung der Studiengebühren, die sämtlich ungehört verhallt sind. Wie schätzt ihr eure Chancen diesmal ein und woher nehmt ihr die Hoffnung auf Besserung?

Denise Welz: Herr Pinkwart (NRW-Wissenschaftsminister / FDP) erklärte bereits, dass er an den Studiengebühren festhalten will. Dazu kann ich nur sagen, der „Heiße Herbst“ hat erst begonnen. Wir werden nicht aufgeben, bis die Studiengebühren abgeschafft werden. Der Protest im Sommer ist leider schnell verklungen, kann aber als Auftakt für die jetzigen Proteste gelten. Studierende auf der ganzen Welt wehren sich mittlerweile gegen die Studienbedingungen. Das gibt einem Hoffnung, dass die Politiker irgendwann sehen müssen, dass sie etwas nicht richtig gemacht haben. Jetzt ist der Zeitpunkt noch etwas zu ändern. Die Wirtschaft vertraut auf das alte Diplom. International ist das deutsche Diplom hoch angesehen, in den USA will man sogar einen vergleichbaren Abschluss einführen. Die Politiker sollten lieber früher als später einsehen, dass sie etwas falsch gemacht haben.

Ruhrportal.de: Aus der Wirtschaft hört man immer wieder Stimmen, die die Forderungen der Studenten unterstützen. Politik und Hochschulen schieben sich die Verantwortung lieber gegenseitig zu. Kämpft ihr den berühmten Kampf gegen die Windmühlen?

Denise Welz: Das ist tatsächlich ein Problem. Wir haben konkrete Forderungen aufgestellt. Auch wenn die Politiker weiterhin behaupten, sie wären nicht konkret genug. Der nächste Schritt muss sein, die Verantwortlichen direkt ansprechen. Wir werden die Hin- und Herschieberei der Verantwortlichen nicht hinnehmen. Letztendlich hat jeder seinen Teil zu den bestehenden Bedingungen beigetragen.

Ruhrportal.de: Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Margret Wintermantel sprach bei der HRK in Leipzig davon, dass die „Zufriedenheit unter den Studenten noch nie so hoch war wie jetzt“; NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart tat die Demonstranten als „ein paar Krawallmacher“ ab. Seid ihr eine Minderheit?

Denise Welz: Nein. Die Forderungen kann man als Konsens unter den ganzen Studierenden bezeichnen. Dieses Jahr sind insgesamt knapp 500.000 Studierende auf die Straße gegangen. Das würde ich nicht als Minderheit bezeichnen.

Ruhrportal.de: Wie reagiert ihr auf den Vorwurf, ihr würdet aus rein ideologischen Gründen handeln? Stichwort „Möchtegern-68er“.

Denise Welz: Das ist totaler Quatsch und nur ein Versuch den Protest abzustempeln und die Protestler als Minderheit abzutun. Das ist eine sehr schlimme Reaktion. Wir arbeiten bundesweit vernetzt zusammen. Wir werden nicht aufhören bis die Politiker uns die Aufmerksamkeit schenken, die sie uns schenken sollten.

Ruhrportal.de: Würdest Du unter den jetzigen Bedingungen ein Studium in Deutschland noch mal beginnen?

Denise Welz: Natürlich. Ich habe bewusst auch hier in Bochum mein Studium begonnen. Nur so habe ich die Möglichkeit mich auch einzumischen und etwas zu bewegen. Ich kann nur jedem empfehlen, zu studieren.


Links zum Thema Bildungsstreik 2009/ 10:

Almosen-Reform zu Weihnachten 11.12.2009

Wiederbesetzung des Audimax 03.12.2009

"Der heiße Herbst hat erst begonnen" 27.11.2009

Hochschulrektorenkonferenz wird zum Kindergarten 25.11.2009

Polizei greift durch - Politiker nicht 25.11.2009

Bochumer Studenten versuchen den Dialog 24.11.2009

Hoch die (inter)nationale Solidarität 17.11.2009

Hörsäle wurden geräumt 14.11.2009

Studenten wehren sich gegen Lernbedingungen 11.11.2009

 

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