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KOMMENTAR: Was ist Triebfeder für so viel Ignoranz? - Loveparade 2010

KOMMENTAR: Die Fakten, die jeder kannte - Loveparade 2010

 
Duisburg , Mo. 26.07.2010, Autor: Ernst
 

In den Diskussionen um das Drama auf der Loveparade 2010 am vergangenem Samstag wird immer wieder die Frage gestellt, warum denn niemand die so offensichtlichen Fehler in der Organisation sehen wollte. Vom selbstsicheren Auftreten der Verantwortlichen auf der vorangegangenen Pressekonferenz bis hin zum unglaubwürdigen Leugnen aller Schuld im Nachhinein zeichnet sich immer stärker ab, dass eine Veranstaltung wie die Loveparade von der Stadt Duisburg und den beteiligten Organisatoren wie auch der RUHR.2010 viel zu sehr auf die leichte Schulter genommen wurde.

Jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt ein Unglück geschieht, wollen immer alle alles gesehen haben. Der schönste Satz im Zusammenhang einer Berichterstattung ist doch am Ende der: „Ich hab es doch so kommen sehen“. Meistens nur ein Grund, die Augen zu verdrehen und noch differenzierter an den Bericht heranzugehen. Im Falle der Tragödie auf der Loveparade allerdings lassen sich die bösen Vorahnungen zahlreicher Journalisten, Blogger oder auch der Twittergemeinde noch heute nachlesen.

Das zweifelhafte Konzept wirft bereits seit Juni allerorts Fragen auf

Auf einer Pressekonferenz Mitte Juni wurde das Konzept der Loveparade 2010 vorgestellt. Selbst- und siegessicher – stand doch die Realisierung des Projektes monatelang in den Sternen – präsentierten sich der Oberbürgermeister der Stadt Duisburg Adolf Sauerland, Geschäftsführer der RUHR.2010 Prof. Dr. Oliver Scheytt, Abgesandter der Loveparade Rainer Schaler und Moderator Oliver Pocher den Medienvertretern. Nachdem erste Fakten wie Start und Lineup geklärt waren, wurden die Unklarheiten zu den strukturellen Gegebenheiten des Veranstaltungsgeländes thematisiert. In allen Gesichtern gab es nur noch fragende Blicke, als erklärt wurde, dieser Platz rund um den alten Güterbahnhof sei ein geschlossenes Gelände.

Auf die Frage, welche Kapazitäten der Platz denn hätte, wurde immer noch lächelnd verkündet, dass es ein ausgeklügeltes Sicherheitskonzept gebe und der Einlass auf das Gelände ab einer Anzahl von einer Million Menschen gesperrt würde.

Nun erinnere man sich zurück an die prahlerisch verkündeten Teilnehmerzahlen der Loveparades in Dortmund und Essen: 1,6 und 1,2 Millionen. Wohin also mit den restlichen 500.000 Menschen, die das Gelände nicht mehr betreten dürfen? Und wenn man mit viel gutem Willen die Ausmaße des Geländes auf 150.000qm misst, wie sollen 6,6 Menschen auf eine Quadratmeter passen? Diese Fragen wurden gestellt - immer und immer wieder.

Geänderte Nutzungsbedingungen eigens für das Loveparade-Gelände?

Bis es soweit war und sich alle Zweifler darauf verlassen mussten, dass die Organisatoren wüssten was sie taten, man habe sie schließlich ausgiebig gewarnt. 19 Tote, 342 Verletzte und unzählige traumatisierte Menschen sind das Ergebnis.

Das Ergebnis von einem unkontrollierbaren Menschenandrang auf den einzigen Ein- und Ausgangs des Geländes, das laut der eigens für diese Veranstaltung geänderten Nutzungsordnung, das Gelände um den alten Güterbahnhof in Duisburg betreffend, für nur 250.000 Menschen zugelassen war. Weiterhin besagt dieses Dokument, dass es für diese Veranstaltung zulässig wäre, die Breite der Fluchtwege auf 10 Meter zu beschränken. 10 Meter breite Fluchtwege wären selbst für 250.000 Menschen eine Zumutung, sollte einer der Wagen Feuer fangen oder ähnliche Gründe zu einer panischen Flucht führen. Feuerwehrpläne für einen solchen Fall gab es laut dem Dokument mit dem Aktenzeichen 62-34-WL-2010-0026 sowieso nicht.

All dies wusste man also vorher. Die Ausrede, die von den Verantwortlichen, allem voran Sicherheitsdezernent der Stadt Duisburg Wolfgang Rabe, am häufigsten gebraucht wird lautet: „Wir sind alle möglichen Szenarien durchgegangen und haben unsere Pläne als sicher empfunden.“ Offensichtlich haben die Herren einen Brand der betagten Halle oder einer der Wagen von vornherein ausgeschlossen. Ebenso wie starke Regenfälle, die aus dem Gelände ein Schlammloch gemacht hätten. Aber das sind ja auch sehr untypische Vorkommnisse. Noch ein bisschen seltsamer wirkt der Zusatz von „Panikexperte“, oder richtiger Physiker für Transport und Verkehr, Michael Schreckenberg: „Was wir nicht ahnen konnten ist, dass Menschen irgendwo herunterstürzen.“ Stimmt, auf einer Loveparade, einer Massenveranstaltung mit 1,4 Millionen Teilnehmern, von der seit etwa 20 Jahren bekannt ist, dass dort neben Alkohol, das Bewusstsein wesentlich beeinträchtigende Drogen konsumiert werden, von der man Bilder kennt, auf denen Menschen auf Laternen, Stromkästen, Mauern, Ampeln und Bäumen stehend zu Technomusik feiern – auf einer solchen Party ist es absolut unsinnig daran zu denken, dass irgendwer irgendwo herunterfallen könnte.

Wenige Fakten, die jeden zweifeln ließen - außer den Verantwortlichen

Ganz klar, wenn man diese Fakten kennt, die im Verhältnis zu den hunderten gemutmaßten Zahlen und Tatsachen noch wenige sind – und die kannten sehr viele Menschen – muss man sich die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit der Verantwortlichen unweigerlich stellen.

Nur eine Mutmaßung ist, dass die Stadt Duisburg und die RUHR.2010 getrieben waren von einer Gier nach Ruhm. Ein Zitat von Ruhr.2010 Geschäftsführer Prof. Dr. Oliver Scheit lautet: "Die Loveparade erzeugt weltweit ein starkes, neues Bild des Ruhrgebiets. Sie ist einzigartig, sie steht für Jugend- Pop- und Szenekultur und sie macht Kreative aufmerksam auf die Metropole Ruhr. Das sind wichtige Faktoren für die Kulturhauptstadt, für die wir wie keine andere zuvor die Kreativwirtschaft weiterentwickeln und zu einem Standortvorteil aufbauen. Die Loveparade ist ein Leuchtturmprojekt von RUHR.2010 mit wichtiger, internationaler Strahlkraft"

Es führte also für kein Weg an einer Realisierung der Loveparade im Kulturhauptstadtjahr in Duisburg vorbei, wolle man das Image der Stadt Duisburg und des Ruhrgebiets retten. Es wäre ja auch höchst peinlich geworden, hätte man dieses Leuchtturmprojekt nicht finanzieren können. Da nimmt man Risiken wie sie oben beschrieben sind schon mal in Kauf. Und der uneinsichtigen Haltung der Verantwortlichen der Stadt Duisburg nach zu urteilen, sind dann auch 19 tote Menschen zu verkraften.

 

-de-
 

 


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