Startseite/ Bericht der Trauer und Wut: Loveparade - Eine Besucherin schildert die tragischen Ereignisse aus ihrer Sicht
Merkliste (0)Es sollte die „größte Party der Welt“ werden und endete in einer Tragödie: Die Loveparade 2010 mit 19 Toten und über 340 Verletzten beschäftigt die die Menschen rund um den Globus. Eine Augenzeugin berichtet exklusiv für Ruhrportal, wie sie die dramatischen Ereignisse und die überfordert scheinende Organisation des Megaereignisses erlebt hat.
„Die Party begann für mich am Dortmunder Hauptbahnhof - dort konnte man bereits absehen, dass schon einmal die Deutsche Bahn nicht „Herr der Lage“ ist: Notbremsen wurden gezogen, es wurde geraucht, gepöbelt und andere Haltestellen einfach nicht berücksichtigt! Das Letztere sollte der Bahn noch zu Gute kommen, da die Kapazität der Züge nicht annähernd für die Gäste ausreichend war.
Nach langen 50 Minuten Zugfahrt war das erste Ziel erreicht – doch das Chaos ging weiter: Die Fragen wohin und vor allem die Weite des Weges konnte nicht beantwortet werden. Nach einem langen Gehweg gelangte man zum ersten Knotenpunkt, es ging weder vorwärts-, seit- oder rückwärts. Gegen 14.00 Uhr hatte man schon das Gefühl, man sei ein Tier in einem überfüllten Transport.
Weite, restlos überfüllte Wege
Endlich erreichte man die „Taschenkontrolle“ - und auch dort konnte wenig von einer guten Organistation der Stadt Duisburg bzw. der Loveparade erkannt werden. Es ist wohl schwer möglich, 1,4 Millionen drängenden und partywütigen Menschen, auf Glasflaschen und Ähnliches, mit rund 50 Security zu durchsuchen. Menschen wurde mit Rucksäcken, Taschen durchgelassen und höchstens stichprobenartig auf verbotene Gegenständen durchsucht.
Hatte man diese Hürde überwunden war leider das Ziel noch immer in weiter Ferne. Der weite Fußmarsch führte zum – späteren schicksalhaften! - Tunnel, durch den man zum Eingang des Festivalgelände gelang. Dort begann auch das Geschiebe, die Massen wollten endlich zu den Floats und die Liebe feiern. Da der Eingangsbereich leider auch gleichzeitig als Ausgang diente, staute der Weg immer mehr, so dass eine Möglichkeit zum Vorwärtskommen nahezu nicht bestand.
Partyfreunde und auch die zuständigen Polizisten wurde immer aggresiver und hilfloser. Mehrere hundert Raver bezwangen den ersten Hügel und brachten den Bauzaun zum Sturz, die vier Polizisten konnten nur zusehen und die Leute, aus eigener Angst heraus, nicht weiter behindern und gaben den Zaun und den Weg frei. Eine weitere Möglichkeit war der Weg geradeaus zu den Floats, doch auch dort war an ein Vorankommen nicht zu denken. Immer wieder kamen vereinzelt Menschenmengen entgegen und auch ein Stab von zehn Polizisten bahnte sich den Weg gegen den Strom. Nach unendlichen Momenten des Warten erreichte man endlich die Party.
Besorgte SMS: Geht's dir gut?
Am späten Nachmittag erhielten wir plötzlich etliche SMS, ob bei uns alles ok sei. Etwas verwundert schenkten wir den Nachrichten nicht weiter Bedeutung. Bis das Handy ein weiteres Mal klingelt - "Massenpanik auf der Loveparade, mindestens 10 Tote. Gehts dir gut?" Man realisierte das alles nicht wirklich und machte sich dennoch auf den Weg zum Ausgang.
Polizisten durften keine Auskunft geben, also erreichte man den abgesperrten Bereich, dort lagen blaue Planen und wir kamen plötzlich in der Realität an - Es waren alles Leichen! Man erfuhr das die Menschen sich auf die Treppe gedrängt haben und einfach 'runter gefallen waren und von anderen Teilnehmer überrannt wurden ohne jegliche Chance zu überleben.
Bild des Schreckens im Tunnel
Ein Bild des Schreckens bot sich vor und im Tunnel - Überall lagen Schuhe, blutige Anziehsachen, weinende Menschen, die blutverschmiert nur noch in einer Ecke zusammengekauert betreut wurden, Zelte, Feldbetten, etliche Notartzwagen, Sanitäter. So stellt man sich den Krieg vor!
Das Gefühl von absoluter Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit und Trauer überwog. Tränen stiegen in die Augen und man wollte nur noch Familie, Freunde erreichen - leider war dies nicht möglich. Am schlimmsten war es, dass man seine Freunde, Bekannte, die auch auf der Loveparade feiern wollten, nicht erreichen konnte. Panisch versucht man, den Weg hinaus zu finden und nicht all zu viele Bilder des Schreckens mitzunehmen.
Zu dem Schock des Geschehens kam nun auch das Umherirren zum Duisburger Hauptbahnhof hinzu, leider war der Weg nicht ausgeschildert und Wegbeschreibungen waren nicht hilfreich. Als wir endlich den Hauptbahnhof erreichten, war dieser bereits geschlossen und man wich auf die Busse Richtung Essen aus. Von Essen ging es weiter nach Dortmund.
Man hätte es wissen können...
Auf den ganzen Weg wurde nur über das Ereignis geredet und der Wut auf die Organisatoren der Loveparade und der Stadt Duisburg Luft gemacht. Es ist einfach schwer zu verstehen, dass die Loveparade genehmigt wurde, ohne ausreichende Kapazität. Es gibt doch Erfahrungsberichte von den letzten Veranstaltungen, dass mehr als 1,4 Millionen Menschen die Loveparade besuchen. Wie konnte man das nicht berücksichtigen und nicht mit einrechnen?
Die Frage nach dem Warum bleibt...
Es war uns fast schon auf dem Weg zur Loveparade bewusst - dass eine Massenpanik ausbricht und niemand eine Chance hat auszuweichen. Erst jetzt realisiert man, dass es einen selber hätte treffen können und ist gleichzeitig dankbar und dazu voller Trauer für die Verstorbenen und deren Angehörigen und Freunde.
Die Frage nach dem Warum bleibt..."
-sk-
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