Nach dem Aus für Lehman Brothers droht nun dem größten US-Versicherungsriesen AIG http://www.aig.com der Kollaps. Medienberichten zufolge wurde das Kredit-Rating des Konzerns von den drei wichtigsten Agenturen herabgestuft. So senkte Moody's die Bewertung von Aa3 auf A2, Standard & Poor's von AA-Minus auf A-Minus sowie Fitch von AA-Minus auf A - weitere Herabstufungen in den nächsten Stunden nicht ausgeschlossen. Laut Experten droht jetzt eine unabsehbare Kettenreaktion, die schwerwiegende Folgen auch für Europa mit sich bringen könnte. Obwohl die Regierung des US-Bundesstaates New York die Existenz AIGs mit der Erlaubnis, ab sofort Vermögenswerte der Konzerntöchter in Höhe von 20 Mrd. Dollar als Sicherheiten verwenden zu dürfen, vorerst gesichert hat, bleibt die Situation extrem angespannt. Insidern nach soll AIG-Vorstandschef Robert Willumstad derzeit mit Goldman Sachs und JP Morgan über einen Notkredit in Höhe von 70 bis 75 Mrd. Dollar verhandeln.
"Dass nun auch AIG so stark von der Krise getroffen ist, hat mich ziemlich überrascht. Da das Insolvenzrecht in den USA ein anderes als hierzulande ist und der Konzern sehr viele Kunden hat, gehe ich nicht davon aus, dass man eine Schließung wie bei Lehman Brothers befürchten muss", erläutert Jörg Urlaub, Vorstand des Vermögensverwalters Incam http://www.incam.de , im Gespräch mit pressetext. Sollten die verhandelten Kapitalspritzen für AIG nicht ausreichen, werden sich potenzielle Investoren die Struktur des Konzerns genau ansehen, meint Urlaub. "Der Verkauf von Merrill Lynch für 50 Mrd. Dollar an die Bank of America hat dies gezeigt. Die Retter wollen zwar immer die Filetstücke, dennoch wird man sich die Frage stellen müssen, zu welchen Preis man welches Risiko schultern will", so Urlaub weiter. Um das weltweit zweitgrößte Versicherungsunternehmen nicht wie Lehman enden zu lassen, hat die US-Notenbank Fed noch in der Nacht auf heute, Dienstag, angekündigt, zu helfen.
Fed-Gouverneur David Paterson teilte jedoch mit, dass es sich nicht um eine staatliche Rettungsaktion handle. AIG sei "finanziell gesund", zitiert das Wall Street Journal den Notenbanker. Mit der erteilten Sondervorschrift, dass die Versicherungstöchter der problembeladenen Muttergesellschaft Geld leihen dürfen, "geben sie sich selbst ein Überbrückungsdarlehen", so Paterson. Weitere Transaktionen über die bereits gewährten 20 Mrd. Dollar hinaus sollen folgen. Dass die Verhandlungen jedoch nicht einfach werden, zeigt sich unter anderem darin, dass AIG bereits im Mai mit einer Kapitalerhöhung 20,3 Mrd. Dollar aufgenommen hat. Somit dürfte das Anlegervertrauen in die AIG-Aktie nach den Marktturbulenzen nun endgültig überstrapaziert sein. Gestern rutschte das Papier um bis zu 64 Prozent auf 4,40 Dollar in die Tiefe. Erst nach der Ankündigung der Regierung erholte sich die Aktie auf gerade einmal 6,50 Dollar bei einem Verlust von nach wie vor 47 Prozent.
Obwohl AIG neben Notkrediten Sparten wie die weltweit führende Flugzeug-Leasing-Tochter ILFC abstoßen will und Gerüchte über eine Übernahme durch die Münchener Rück und Swiss Re kursieren, bleiben Analysten skeptisch. "Das große Problem ist die absolute Ungewissheit, wie hoch die Risiken in den Büchern sind", zitiert die Financial Times Deutschland den Citigroup-Analysten Joshua Shanker. Urlaub sieht den Einstieg deutscher Rivalen als "nicht abwegig". "Wer bei Lehman oder der AIG die Hände im Spiel und investiert hat, läuft jedoch Gefahr, sich zu verbrennen", so Urlaub gegenüber pressetext. Wenn die Ratingagenturen die AIG weiter in ihrer Bewertung abstufen sollten, hätte dies Folgen. Der Konzern hat im großen Stil Investoren gegen Ausfälle bei hypothekenbasierten Anleihen abgesichert. Obwohl dies hochprofitabel war, summierten sich die Verluste in drei Quartalen auf über 18 Mrd. Dollar.
Herausgeber: pressetext.austria