Die Landtagswahl rückt immer näher. Ruhrportal.de fragt die jüngste Bürgermeisterin NRWs nach ihren Einschätzungen und Prognosen - Tina Jelveh. Im Ruhrportal-Interview spricht das sympathische „Kind des Ruhrgebiets“, das iranische Wurzeln hat, über ihre Erfahrungen als jüngste Bürgermeisterin, ihren Blickwinkel auf das Revier und die anstehende NRW-Landtagswahl.
Ihre eigene Wahl im letzten Jahr hat sicherlich einige im Politikbetrieb Hernes überrascht, mittlerweile aber sind die staunenden Gesichter längst höchster Anerkennung und vollem Respekt gewichen. Tina Jelveh, mit 24 Jahren die jüngste Bürgermeisterin NRWs und Deutschlands, ist politisch immer auf Achse. Ob als engagierte Bochumer Studentin der Evangelischen Theologie und Germanistik, die gerade an ihrer Bachelor-Arbeit schreibt, als Mitglied im Stadtrat Hernes oder bei den Grünen, ihrer Partei, in der sie zahlreiche Verantwortlichkeiten übernimmt.
Haben Sie sich mittlerweile – nach nunmehr einem halben Jahr – im Amt und im Politikbetrieb Hernes eingelebt? Und: Wie fühlt es sich an „jüngste Bürgermeisterin Deutschlands“ zu sein?
Wenn man selbst darüber nachdenkt, nun Bürgermeisterin zu sein, ist es natürlich immer noch ein komisches Gefühl. Es ist aber toll, diese Erfahrung sammeln zu dürfen. Ich denke, dass ich mittlerweile die Strukturen in Herne und vor allem viele, viele Menschen kennengelernt habe – und und fühle mich rundum wohl im Amt. Egal wo ich hinkomme, werde ich positiv aufgenommen und treffe auf keinerlei Vorbehalte wegen meines Alters.
Migrationshintergrund prägt Blickwinkel auf die Politik
Sie sind mit 8 Jahren nach Deutschland gekommen. Hat man als junger Mensch mit Migrationshintergrund einen anderen Blickwinkel auf die Politik, den Politikbetrieb und die Probleme einer Stadt wie Herne?
Ich denke, da ich selbst den Integrationsprozess und auch die damit verbundenen Probleme – zum Beispiel in unserem Bildungssystem – durchlebt habe, habe ich wirklich einen anderen Blickwinkel auf politische Anliegen. Und genau aus diesem Blickwinkel heraus möchte ich auch Politik machen. Zudem ist gerade mein Erfahrungshintergrund nochmal eine besondere Motivation für mich, in Sachen Integration und Bildung etwas zu verändern. Denn den Bildungsweg, den ich - zum Glück – durchlaufen konnte, und der mich erst hierhin gebracht hat, ist längst nicht allen so offen, wie es eigentlich sein sollte.
Wie das Ruhrgebiet zur Heimat wurde
Als Sie nach Deutschland kamen: wussten Sie da schon etwas über das Ruhrgebiet? Wie haben Sie die Region erlebt?
Als ich jung war, habe ich das Ruhrgebiet als Region noch gar nicht so wahrgenommen. Dies kam erst mit der Zeit, dass mir die besondere Zechenkultur und die speziellen Eigenheiten des Reviers – wie die Vielzahl der konkurrierenden Fußballvereine – bewusst wurden.
Würden Sie sich inzwischen als „Kind des Ruhrgebiets“ bezeichnen? Was macht für Sie das Ruhrgebiet und das Leben im Revier heute aus?
Ja, inzwischen bin ich voll und ganz ein „Kind des Ruhrgebiets“ und bin zum Beispiel richtig stolz auf die Kulturhauptstadt im Revier. Die Menschen im Ruhrgebiet sind in der Tat offener und herzlicher als anderswo, man kommt immer gleich ins Gespräch – das gefällt mir und das macht, neben der einzigartigen Industriekultur, die mich immer wieder begeistert, das Revier für mich aus.
Blick auf die Landtagswahlen
Am 9. Mai sind Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Wie beurteilen Sie die Chancen der Grünen? Teilen Sie die derzeitige Euphorie des Stimmenhochs?
Ich bin – wie die Grünen insgesamt – für die Landtagswahlen sehr optimistisch. Für uns Grüne geht es vor allem darum, einen eigenständigen Wahlkampf zu führen und uns als selbstbewusste Partei zu profilieren, die keineswegs ein Anhängsel einer der „großen“ Parteien ist. Wir müssen die grünen Positionen deutlich machen – und werden damit überzeugen.
Wie sieht ihre politische Bilanz der Schwarz-Gelben Regierung der vergangenen 5 Jahre aus? Was waren die größten Fehler der Regierung Rüttgers?
Der größte Misserfolg, den ich auch ganz persönlich zu spüren bekommen habe, sind fraglos die Studiengebühren. Ich habe in meinem Freundeskreis erlebt, dass Leute kein Studium angefangen haben, weil es einfach zu teuer ist. Das kann und darf nicht sein.
Wie stehen Sie als junger Mensch und als Studentin – unabhängig von der Parteimeinung – zu den Bildungsstreiks der vergangenen Monate? Waren Sie vielleicht sogar selbst dabei?
Ich fand den Bildungsstreik gut und habe mich in der Tat selbst beteiligt. Es besteht aber nach wie vor erheblicher Nachholbedarf. Wenigstens hat man bei diesem Bildungsstreik gemerkt, dass die Studenten mit ihren Anliegen doch ernster genommen wurden als zuvor – zumindest von der Hochschulleitung, nicht aber von der Landes- und Bundesregierung.
Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Aufgaben/Probleme, die eine kommende Landesregierung in NRW und gerade im Ruhrgebiet angehen sollte?
Ganz klar ist hier die Bildungspolitik zu nennen, wo Innovationen mehr als nötig sind. Weiterer wichtiger Punkt sind natürlich die kommunalen Finanzen. Ich als Kommunalpolitikerin erlebe ja jeden Tag, wie dramatisch die Situation der Kommunen ist. Geht es einer Stadt schlecht, geht es auch den Menschen in dieser Stadt schlecht. Es besteht die Gefahr, dass über den Sparzwang der Städte letzten Endes das ganze Ruhrgebiet als Region unattraktiver wird.
„Wenn man an der Kultur spart, spart man an der Lebensqualität der Menschen“
Wie sehen Sie die Möglichkeiten Chancen des Kulturhauptstadtjahres für die Region Ruhrgebiet? Wird es über 2010 hinaus wirken?
Mit der Kulturhauptstadt wurde erfolgreich der Grundstein für eine nachhaltige Kulturregion geschaffen. Das Revier hat deutlich mehr Prestige und Anerkennung bekommen – auch weltweit. Einher geht mit der Kulturhauptstadt auch ein neues Verständnis als Kreativwirtschaftsregion. Aus unserem kulturellen Erbe kann man somit noch einiges schöpfen. Mit Schrecken nehme ich allerdings wahr, dass durch die fatale Lage der Kommunen immer mehr Kulturstätten schließen. Wenn man an der Kultur spart, spart man an der Lebensqualität der Menschen.
Sie sind schon so jung Bürgermeisterin und tragen politische Verantwortung in verschiedenen Positionen. Wollen Sie die politische Karriere weiter forcieren und ruft irgendwann vielleicht gar die Landes- oder Bundesebene?
Im Moment ist mein Ziel erst einmal der Abschluss des Studiums – und dann sehe ich mich im Beruf der Lehrerin. Zur Zeit hege ich noch keine Ambitionen vollends in die Politik zu gehen. Politik macht mir Spaß, ich werde mich auch immer weiter engagieren, aber ich kann mir nicht vorstellen, mein ganzes Leben in der Politik zu verbringen.
Das Interview führte -tv-
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