Seit Wochen streiken in Deutschland und Europa die Studenten für eine bessere und vor allem gerechtere Bildung. Ihre Anliegen werden mittlerweile auch von Politikern diskutiert, die Präsenz in den Medien ist immens. Auch Deutschlands Schüler wehren sich gegen ein marodes Bildungssystem und müssen ihre Stimme wesentlich lauter erheben als ihre akademischen Leidensgenossen, um überhaupt gehört zu werden.
Essen, Hirschlandplatz 9 Uhr 30. Vereinzelt sitzen die Schüler, die dem Aufruf zu einer Protestkundgebung und einem anschließenden Demonstrationszug durch die Innenstadt gefolgt sind, auf den Stühlen eines benachbarten Cafés. Das Bild hat etwas von Klassenausflug. Neuankömmlinge werden geherzt und in die Arme genommen, es wird getratscht – von politischer und gesellschaftlicher Kritik ist nichts zu hören.
Essens Schüler haben sich zu Beginn des landesweiten Bildungsstreiks hier in der Innenstadt versammelt. Sie kämpfen gegen unsinnige Kopfnoten und das Turboabitur, sprich, gleicher Stoff in einem Jahr weniger. Wer sein Abitur gemacht hat und sich an den Stress und den Druck ab der Oberstufe erinnert, kann die jungen Menschen bestens verstehen.
Der Regen hat eingesetzt, der Platz füllt sich nur langsam. Ob die paar Tropfen wirklich die Schüler von ihrem ehrgeizigen Anliegen fernhalten sollten? Plötzlich wird es laut. Aus Richtung Hauptbahnhof hallen rhythmische Rufe. Um die Ecke strömt ein Fluss aus Jugendlichen, die erste Reihe hält ein Plakat mit der Aufschrift „Bundesweiter Bildungsstreik“ in den Händen. Hunderte folgen und skandieren „Wir sind hier, wir sind laut, weil der Staat uns Bildung klaut!“
600 Schüler protestieren
Mit Applaus wird der Protestzug von den bereits Anwesenden auf dem Hirschlandplatz empfangen, aus den Boxen der Sprecheranlage drö
hnt „Hurra, Hurra, die Schule brennt!“. Doch soweit würde hier keiner gehen. Die anwesende Polizei verbringt einen entspannten Morgen. Knapp 600 Schüler haben sich nun eingefunden und hören den Rednern zu. Sogar ein paar Eltern zeigen sich mit ihren Kindern solidarisch und streiken mit. Einigen von Ihnen dürfte ein Schauer über den Rücken gelaufen sein, als der ihnen vertraute Schlachtruf „Hoch die internationale Solidarität!“ durch das Mikrofon halt und direkt grenzenloser Jubel ausbricht.
Die Forderungen der Studenten, die ihre Proteste in sämtliche Medien gebracht haben, werden mittlerweile von der Öffentlichkeit und der Regierung diskutiert. Die Anliegen der Schüler sind weiterhin eine Randnotiz. Devin, 17 jähriger Schüler der Gesamtschule Holsterhausen kennt das Problem: „Schüler genießen bei Weitem nicht das Ansehen von Studenten. Uns wird oft vorgeworfen, wir wollten eh nur frei haben. Wir werden als unmündig dargestellt, aber das sind wir sicherlich nicht.“ Hört man dem jungen Mann zu, mit wie viel Ehrgeiz er über die Probleme, aber vor allem die Ziele der Schüler spricht, kommt einem der Gedanke, einem unmündigen Schüler gegenüber zu stehen, als letztes in den Kopf. Überhaupt strahlen diese jungen Menschen eine Stärke aus, wie man sie selten sieht.
Schüler kämpfen gegen schlechte Bildung und Ignoranz
Wie reagieren die Schulleitungen, nachdem viele Hochschulleitungen sich solidarisch mit den Studenten erklärt haben? „Für Schüler gibt es von der Schulleitung oft Sanktionen“, so der junge Schüler weiter. Eine Freistellung vom Unterricht während den Protestaktionen scheint die Ausnahme. Sind nicht gerade viele 68er Lehrer geworden?
Doch es geht auch anders. Das Direktorium der Frida-Levy-Gesamtschule unterstützt die Schüler und auch „die Landeselternschaft hilft uns“, erklärt Devin. Die Chancen der Schüler stecken in ihrer Solidarität und ihrem Ehrgeiz. So hat auch Devin Hoffnung, dass die Stimmen der Jugendlichen gehört werden. „Es kann viel gehen. Wir müssen nur weitermachen. Mit Vielen können wir auch viel bewegen.“
Der Protestzug setzt sich Richtung Innenstadt fort. Dort treffen sie auf die Studenten, die sich vom Essener Campus aufgemacht haben. Zusammen ziehen sie weiter. Zusammen kämpfen sie weiter.
-sos-
Links zum Thema Bildungsstreik 2009:
Hörsäle wurden geräumt 14.11.2009
Studenten wehren sich gegen Lernbedingungen 11.11.2009
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