Das Publikum im Ringlokschuppen wartete bereits voller Spannung, als Günter Wallraff mit einer halben Stunde Verspätung das Podium betrat. Ein Stau verhinderte einen pünktlichen Beginn der Veranstaltung in Mülheim. Er käme aus dem bayrischen Hof, wo sein neuer Film „Schwarz auf Weiß“ gerade Premiere hatte. Was dieser Mann mit seinen immerhin 67 Jahren noch alles auf sich nimmt um das Leben in Deutschland ein wenig besser zu machen, ist kaum zu begreifen.
Wallraff fängt auch direkt an aus seinem neuen Buch „Aus der schönen neuen Welt – Expeditionen ins Landesinnere“ vorzulesen. Der Titel ist eine Anlehnung an Aldus Huxleys düsteren Zukunftsroman „Brave new world“ aus dem Jahr 1931. Wieder einmal schlüpfte die Ikone des investigativen Journalismus in verschiedenste Rollen um Missstände aufzudecken. Mal tourt er ein Jahr lang als Schwarzer durch Deutschland und wird bei einem Fußballspiel fast verprügelt, oder er spürt am eigenen Leib die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in einer LIDL-Bäckerei. Das neue Buch ist ein Sammelsurium kurioser, aber leider wahrer Geschichten über schlechte Arbeitsbedingungen, alltäglichen Rassismus und Unterdrückung.
Die Zuhörer lauschten den lebhaften Ausführungen des Aufdeckers der Nation gespannt und auf die immer wieder kehrende Frage, ob das Publikum denn noch ein Kapitel hören wollte, oder ob man in die Diskussionsrunde übergehen wolle, folgte die immer gleiche Antwort: „Weiter lesen!“ Irgendwann waren die Geschichten erzählt und die Diskussion begann, und damit fing der Abend nach fast zweistündiger Lesung eigentlich erst richtig an.
Geduldig stellte sich Günter Wallraff den Fragen, man merkte, dieser Mann ist mit dem Herzen dabei. Auf Nachfrage des Ruhrportals betonte Wallraff, dass nicht alles schlecht ist in diesem Land: „Ich habe auch überraschend Positives als Schwarzer in Deutschland erfahren. Allerdings standen die negativen den positiven Ereignissen in einem Verhältnis von vier zu eins gegenüber.“
Günter Wallraff ist mittlerweile seit 45 Jahren im Dienste der Unterdrückten auf Aufdeckungs-Tour unterwegs. Nicht nur die Besucher des gestrigen Abends im Ringlokschuppen in Mülheim hoffen, dass noch viele Jahre folgen werden.
-sos-
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